Warenhäuser in der Stadt Bern

Warenhäuser in der Stadt Bern
Einflüsse der prachtvollen 19. Jahrhundert-Warenhäuser der führenden Metropolen sind in Bern zwar spürbar, interessant ist aber vor allem die Anpassung der Vorbilder an die lokalen Gegebenheiten. Insbesondere die Fassadengestaltung – mit mehr oder weniger Glas – löste in Bern interessante Diskussionen aus.

EIN BEITRAG ZUR LOKAL GEFÄRBTEN WARENHAUS-ARCHITEKTUR KURZ VOR UND NACH 1900 (1)

Internationale Vorbilder

Auf der Suche nach dem Erfinder des Warenhauses stösst man unweigerlich auf Aristid Boucicaut, Sohn eines kleinen Hutmachers aus der Normandie, der um 1860 neue Geschäftsgrundsätze, ja eine regelrechte Revolution in der Verteilung der Verbrauchsgüter einleitete. Seiner Devise “Grosser Umsatz – kleiner Preis” folgend, verringerte er radikal die Gewinnspannen, bot alle Waren zu klar ersichtlichen Festpreisen an, forderte, im Gegensatz zu den überlieferten Gepflogenheiten, deren Barbezahlung, begegnete aber seiner Kundschaft im übrigen mit grosser Kulanz, indem er keinerlei Kaufzwang ausübte, jederzeit zum Umtausch des Erworbenen bereit war, alle Artikel auf Wunsch ins Haus zustellen liess und überdies sehr viel Wert auf eine gute Präsentation der Ware und bald auch auf eine zugkräftige Reklame legte.

Der grosse Erfolg seines Geschäftes Au Bon Marché in Paris gab ihm recht, wobei der ins Riesige gesteigerte Gemischtwarenladen, der praktisch alle Konsumartikel der Epoche unter einem Dach vereinigte, neue Architekturformen verlangte.
In der zweiten Hälfte des 19., aber auch noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden zuerst in Paris und Amerika, etwas später in England und Deutschland Warenhäuser, die durch ihre Grösse, ihre oft über mehrere Stockwerke ausgedehnten Schaufenster und den luxuriösen Innenausbau auffielen. Die hellen, lichtdurchfluteten Innenräume mit glasbedeckten Innenhöfen, oft frei im Raum liegenden Treppenanlagen, Galerien und Passerellen lösten Entzücken aus (Abb. 2,3).
Der französische Naturalist Emile Zola, der in seinem bereits 1883 erschienenen Roman “Au Bonheur des Dames” ein phantastisches Gemälde eines Warenhauses abgibt, spricht von “Cathédrales du commerce moderne”. Die im Industriezeitalter weiterentwickelten Baumaterialien Eisen und Glas bildeten die Voraussetzung für die Realisierung der leichten, transparenten Konstruktionen. Etwas später wurden sie aus ästhetischen Gründen von massiveren Bauten, d.h. Gebäuden mit einem Eisenskelett und mit einer Steinhülle abgelöst.

Abb. 1 und 4 zeigen das wohl berühmteste Warenhaus der ersten Generation: Au Bon Marché in Paris, im Bild der Zustand im Jahr 1874 und um 1880. Es ist ein Gemeinschaftswerk des Architekten Louis-Charles Boileau und des Ingenieurs Gustave Eiffel. Auch das Au Printemps von 1882-89, ein Werk des Architekten Paul Sédille, mit einer farbigen Glaskuppel über der Mittelhalle (Abb. 5 und 6) sowie die Galeries Lafayette, 1910 erbaut von Architekt Ferdinand Chanut, verschönerten die Stadt Paris (Abb. 7). Den Jelmoli in Zürich, mit einer Fassade, die nur aus Eisen und Glas bestand, entwarfen die Architekten Stadler und Usteri 1898 (Abb. 8).

Die Berner Vorläufer

RÜFENACHT
Für den Bautyp Warenhaus – genauso eine Neuschöpfung in der Architektur jener Epoche wie der Bahnhof, das Hotel oder die Fabrik – galt das “Grand Magasin” in Paris lange als Vorbild, und selbst in Bern sind vor 1920 Einflüsse aus Paris spürbar.
Zu den Vorläufern des Warenhauses in Bern ist sicher das Geschäft von Christian Rüfenacht im Kirchberghaus an der Spitalgasse 15-17 zu zählen. Hinter der barocken Fassade von 1772 –  sie gehörte zum ehemals breitesten Bürgerhaus der Stadt –  richtete Rüfenacht 1890 ein Riesengeschäft ein, das bis zur Schauplatzgasse reichte und Tuchwaren, Bettwaren, Damen- und Herrenkonfektion, Teppiche und Kleinmöbel zum Verkauf anbot (Abb. 9-11).
Zweifellos handelt es sich hier noch nicht um ein Warenhaus, zum Betrieb gehörten ja auch noch Ateliers, aber das Ausmass dieses um die Jahrhundertwende grössten Geschäftes in Bern ist doch eindrücklich. – Die 35 Angestellten speisten übrigens täglich zusammen mit ihrem Arbeitgeber Christian Rüfenacht, und die Unverheirateten waren sogar bei ihm einlogiert. Anfänglich belegte der Laden nur das Erdgeschoss, später auch Teile des ersten Obergeschosses.
Rüfenacht & Heuberger hiess das Geschäft später und heute ist der Globus in diesem Bau einquartiert – nach wie vor hinter barocker Fassade (Abb.12).

Speichergasse
Grössere Geschäfte, die dem Warenhaus verwandt sind, wurden damals oft in ältere Bauten integriert. Aber auch Neubauten entstanden, die als Vorläufer des Warenhauses gelten können.
An der Speichergasse wurden Gebäude mit am Aussenbau klar ablesbarer, zweigeschossiger Geschäftszone errichtet, mit grossen schaufensterartigen Glasflächen über zwei Stockwerke (Abb. 13, 14). Die Innenraumaufteilung ist aber noch konventionell mit einem klar abgetrennten Verkaufslokal im vorderen und einem Büro im hinteren Teil des Erdgeschosses (Abb. 15) sowie Ateliers/Werkstätten im dazugehörigen Obergeschoss. Dieser in andern Städten, wie z.B. St. Gallen, im 19. Jahrhundert weit verbreitete Haustyp ist in Bern selten realisiert worden; das gezeigte Beispiel entstand auch erst 1903.

Die Berner Warenhäuser

LOEB
Noch vor der Jahrhundertwende erhielt auch Bern sein erstes richtiges Warenhaus:
1867 erschien ein Inserat unterzeichnet vom damals 24jährigen David LOEB mit dem “Avis für Damen!”, dass er mit einem grossen Wollen-, Nadel- und Kurzwaren-Lager mit tausenden von Gegenständen, welche er zu Fabrikpreisen verkaufe, zum ersten Mal die Martinimesse in Bern besuche (Abb. 16). Davids Eltern betrieben in Freiburg im Breisgau ein kleines Ladengeschäft und besuchten regelmässig die verschiedenen Messen. In Bern mieteten sie sich jeweils für diese Zeit in der Kramgasse ein, bis die vier Brüder David, Louis, Julius und Eduard Loeb 1881 in Bern – nach Zürich und Basel – ihr drittes Geschäft eröffneten, und zwar an der Spitalgasse 32 (Abb. 17). In den folgenden Jahren gliederten sich Zweiggeschäfte in Genf, Luzern, Biel und schliesslich 1894 in Lausanne an.

Nachdem die ersten zehn Jahre eine Geschäftsführerin den Laden an der Spitalgasse geführt hatte, siedelte 1891, nach einer Trennung der vier Gebrüder, David Loeb mit Familie nach Bern, um die Leitung des Berner Geschäfts selber an die Hand zu nehmen. Seiner Geschäftstüchtigkeit, aber auch der wirtschaftlichen Blütezeit ist es zuzuschreiben, dass der Laden immer besser in Schwung kam und das Warenangebot zunehmend umfassender wurde. Neben Handschuhen und Strümpfen, Schürzen, Wolle, Tricot-Blusen und Konfektion führte das Geschäft später auch Mercerie-Artikel, Seidenband, Wäsche, Toilettenartikel, Schirme und ähnliches mehr. 1898 war die Zahl der Angestellten von anfänglich zwei (1881) bereits auf 22 angewachsen.

Loebs kannten die nationalen und internationalen Strömungen betreffend Warenhausbauten und waren zweifellos nicht nur mit den neuen Organisationsformen eines Warenhauses, sondern auch mit den architektonischen Ausformungen bestens vertraut. Der Neubau, den sie etwas später auf der Schattseite der Spitalgasse errichten liessen, trug die Bezeichnung Warenhaus Gebrüder Loeb und wurde im März 1899 mit 60 Angestellten neu eröffnet. Er reichte von der Spitalgasse (47/49) bis zur Schauplatzgasse (36/38). Neu im Sortiment waren von da an: Haushaltgegenstände, Spielwaren, Lederwaren, Schuhe, Parfümerie, Papeterie, Stoffe und vieles mehr. Der eigentliche Laden besetzte die ganze Fläche des Erdgeschosses, das gesamte erste sowie die nördliche Hälfte des zweiten Obergeschosses gegen die Spitalgasse. In den restlichen Räumen waren Büros und Wohnungen eingerichtet, im dritten Obergeschoss beispielsweise zwei geräumige fünf-Zimmerwohnungen. Eine dreiläufige, recht repräsentative Treppe war in der Mitte an der westlichen Brandmauer angeordnet, während ein glasbedeckter Lichthof nicht zuletzt für eine gewisse Luftzirkulation sorgte.

Auf einem Briefkopf ist die Galerie des zweiten Obergeschosses erkennbar, die – ähnlich wie bei den illustren Pariser Beispielen – den Durchblick über mehrere Geschosse erlaubt (Abb. 18). (1905 wurde übrigens ein wasserbetriebener Lift eingebaut, der nach einem ähnlichen Prinzip funktionierte wie das alte Marzilibähnchen und dessen Fahrzeit angeblich drei Minuten gedauert haben soll...) Aber nicht nur im Innern bot der Laden mit seinen von Gasse zu Gasse durchgehenden und über drei Geschosse ausgedehnten Verkaufsflächen – sowie einem sehr breiten Warenangebot – Neues für Bern. Auch die äussere Erscheinung war geradezu revolutionär: Die Schaufenster beschränkten sich nicht mehr auf die Laubenzone, sondern beherrschten auch das erste Obergeschoss auf der Seite der Schauplatzgasse und das erste und zweite Obergeschoss an der Spitalgass-Seite (Abb. 19, 20).

Im Industriezeitalter stellte eine Auflösung der Fassaden, eine Beschränkung auf sehr schmale stützende Elemente, wie auch die Herstellung von sprossenlosen, grossen Glasflächen kein Problem mehr dar, so dass auch in den Obergeschossen Waren zur Schau gestellt werden konnten. Einzig das dritte Obergeschoss weist eine konventionelle, der Neurenaissance verpflichtete Gestaltung mit Mittenbetonung auf. In diesem Geschoss wohnte anfänglich David Loeb mit Familie.

Der – für Bern – ungewöhnliche Bau, der von Eduard Rybi, einem sonst angepassten, konventionellen Berner Architekten gestaltet worden war, löste heftige Reaktionen aus. Der Neubau passe nicht ins Stadtbild, wirke fremd und unpassend hiess es, und sehr rasch sprach man nur noch von der Zahnlücke im Gassenbild (Abb. 21).
Die auf bernische Verhältnisse zugeschnittene, gemässigte Variante einer Warenhausfassade mit grossflächigen Schaufenstern, wie sie in den Wirtschaftsmetropolen zu jener Zeit gang und gäbe waren, wurde als Fremdkörper empfunden und rief dieselben Kräfte zum Widerspruch auf, die 1905 in Bern die schweizerische Heimatschutzbewegung gründeten. Diese Organisation berief sich auf lokale Traditionen sowie einheimische Materialien und fand in Bern mit ihrer Ideologie sehr rasch zahlreiche Anhänger.

Als 1913 die Nachbargebäude des Warenhauses LOEB, die Häuser Spitalgasse 51-53 / Schauplatzgasse 40-42, dazugekauft werden konnten und das Warenhaus somit gegen Westen eine erste Erweiterung erfuhr, beschlossen die Gebrüder Loeb die Glasfassade – wohlgemerkt nach nur 15 Jahren! – abzubrechen und eine neue, sechsachsige Fassade vor dem erweiterten Warenhaus zu errichten.

Die von Albert Gerster entworfene Sandsteinfassade zeigt eine strenge, einheitliche Aufteilung mit Kolossalordnung, bei der Laubenbogen, Vogeldiele und Fenstergitter als so genannte “bernische” Elemente nicht fehlen (Abb. 22). Der Heimatschutz, ja die ganze Stadt jubelte. Die Zahnlücke war ausgemerzt und zudem “ein Musterbeispiel einer Fassade, die sich dem alten Stadtbild harmonisch einfügt” geschaffen worden (Abb. 23).
Das Wiedergutmachen einer ästhetischen Schandtat brachte dem Warenhaus viel Lob ein, auch wenn der “Bund” zur Eröffnung am 17. April 1914 vermerkte: “Bern ist um eine Gefahr für verschwenderische Hausfrauen reicher.”....

1928, 1930 und 1954 sind die Daten der nächsten Erweiterungsetappen, als Loeb jeweils weitere Nachbargebäude dazukaufen konnte und 2008 erfuhr das Warenhaus eine tiefgreifende Umgestaltung, bei der das innen liegende Glasdach wieder sichtbar gemacht wurde.

MANDOWSKY
“A. Mandowsky’s Waarenhaus” stand in grossen Lettern am Haus Marktgasse 6, sowie, etwas kleiner: “Filialen St. Gallen, Olten, Biel“ (Abb. 24). 1902/03 liess der Besitzer, Herr Regli, an dessen Stelle einen Neubau durch den Architekten Eduard Joos errichten. Der Neubau umfasste drei Verkaufsgeschosse (die allerdings nicht bis zur Zeughausgasse reichten), deren Geschäftsflächen einzig durch dünne Eisenstützen unterteilt waren und Licht von zwei grossen, glasbedeckten Innenhöfen erhielten. Eine zweiarmige, dreiläufige Treppe führte im hinteren Ladenteil in die galerieartigen Obergeschosse des Ladens (Abb. 25 u. 26).

Interessant ist die Fassadengestaltung: Orientiert hat sich der Architekt an üppigen Berner Barockfassaden, wobei er die Randachsen risalitartig leicht betont hat (Abb. 27). Klar abgetrennt sind die oberen Wohngeschosse von den Ladengeschossen, und zwar sowohl durch differenzierte Detailgestaltung als auch durch ein verkröpftes, markantes Gesimse. Die Fensteröffnungen sind in den Verkaufsräumen etwas breiter, ohne aber dadurch unangenehm aufzufallen. Im Gegenteil, die plastisch recht bewegte Fassade wirkt ausgewogen, ja harmonisch. Sichtbar ist Sandstein als Fassadenmaterial, der allerdings (bereits 1902!) mit Backsteinen hintermauert wurde. Etwas störend wirken vielleicht einzig die schwarzen, löcherartigen Fensteröffnungen – zumindest bis einem bewusst wird, dass hier in den Verkaufsgeschossen ganz bewusst auf übliche Sprossenfenster verzichtet worden ist, um mit nahtlosen Glasflächen eine schaufensterartige Wirkung zu erzielen, aber vor allem, um mehr Licht in die tiefen Lokale zu bringen. Auf Abbildung 27 erkennt man die ausgestellte Ware hinter den in der Mittelachse fixierten, drehbaren Fenstern.

Ganz offensichtlich ist die Fassadengestaltung eine bernische Antwort und Variante der LOEB’schen Zahnlücke. Eine Glasfassade à la LOEB hätte zweifelsohne auch nicht dem währschaft bauenden Architekten Eduard Joos entsprochen. Auf den offiziellen Fotos des Bauwerks sind die Ladenfenster wohl nicht zufällig mit hellen Tüchern bedeckt (Abb. 28). Im Gegensatz zum nur vier Jahre älteren LOEB-Bau konnte sich die zeitgenössische Presse mit diesem Neubau anfreunden und empfand das Verhältnis zu den Nachbarhäusern als “günstig“ (Abb. 29).

Das Warenhaus Mandowsky, das in erster Linie Baumwollwaren, Bettwaren, Manufaktur- und Modewaren anbot und damit nicht das vollständige Sortiment eines “richtigen“ Warenhauses aufwies, bestand nur kurze Zeit. Ab 1909 wechselte es in kurzen Abständen die Besitzer und heute steht an seiner Stelle ein jüngerer Neubau (Abb. 30).

KAISER
1881 kaufte der aus Lima zurückgekehrte Kaufmann Wilhelm Kaiser die 1864 gegründete Schulbuchhandlung Antenen an der Christoffelgasse. Seine beiden Söhne verlegten das Geschäft dann für kurze Zeit an die Spitalgasse 31, wo sie neben Lehrmitteln unter anderem Papeterieartikel verkauften.

1903/04 liessen sie an der Marktgasse 39–41/Amthausgasse 24 einen voluminösen Neubau für ihr Geschäft errichten. Als Architekt wirkte – wie beim nur wenig älteren Warenhaus Mandowsky – Eduard Joos (Abb. 31-33). Drei Einzelhausfassaden wurden neu durch eine breite, achtachsige Schaufront ersetzt, deren kräftige, neubarocke Formensprache stark an die Mandowsky–Fassade erinnert, im plastischen Bauschmuck allerdings bedeutend reicher ist. In der Vertikalen setzen drei Risalite Akzente, wobei die Mitte zusätzlich durch eine allegorische Figur des Handels sowie einen Rundgiebel bekrönt wird. Die Fassade ist aus Sandstein, allerdings wiederum mit einer Backsteinhintermauerung. Der Architekt verwendete also das lokal traditionelle Baumaterial zur besseren Einbettung ins Gassenbild, und zwar bevor die Bauordnung von 1907 dies für Neubauten im Stadtzentrum vorschrieb.

Im Grundriss zeigt der Neubau durchgehende Geschosse im Untergeschoss (als Lagerraum) sowie im hohen Erdgeschoss, während die Obergeschosse in zwei separaten Bauten – einer an der Markt-, der andere an der Amthausgasse – aufgeführt sind. Im nur mit Stützen unterteilten, ebenerdigen Verkaufslokal sind zum Teil Galerien eingebaut; für die Belichtung sorgten drei Oberlichter (Abb. 34, 35). Im Erdgeschossgrundriss ist auch noch ein “Zentralbad mit Wartezimmer” eingezeichnet. Dieses gehörte nicht zum Geschäftshaus Kaiser, sondern war ein privat betriebenes, öffentliches Bad und diente als Ersatz für das bereits im Vorgängerbau eingerichtete Bad (Abb. 36). Wenn wir bedenken, dass erst kurz vor der Jahrhundertwende in Bern allmählich Badezimmer in Mietwohnungen aufkamen, kann es nicht erstaunen, dass 1904 durchaus noch ein Bedürfnis für öffentliche Badegelegenheiten bestand. Bäder dieser Art gab es zu jener Zeit auch im Burgerspital, im Volkshaus und an der Stelle des heutigen Hallenbades an der Maulbeerstrasse, wo im so genannten “Sommerleist-Bad” Dampfbäder mit Massage sowie türkische und russische Bäder angeboten wurden. Aber auch im neuen Länggassschulhaus waren Duschbäder (ohne Linge) für 20 Rappen möglich.

In den Obergeschossen erfolgte die Raumaufteilung so, dass sie zunächst für Bureau- und Wohnzwecke eingerichtet, später bei Bedarf aber problemlos als Verkaufs- oder Ausstellungslokale zum Ladenbetrieb geschlagen werden konnten (Abb. 37). Den Angestellten standen dort auch Zimmer zur Verfügung, wo sie sich in ihren Freistunden aufhalten konnten, und zudem wurde ihnen Vormittags und Nachmittags jeweils ein Imbiss, bestehend aus Brot und Milch offeriert.
Für die luxuriöse Präsentation des Warenangebots, das ausser Papeterieartikeln auch Metall-, Leder- und Spielwaren sowie Haushaltsartikel umfasste, wurden Möbel aus England importiert. Im Verkaufskatalog von 1908 wird vermerkt, dass Kaisers Verkaufsräume die ersten in der Schweiz seien, die ganz nach dem amerikanischen Muster gebaut worden seien, was heisse: “geräumige Anlage, Schränke und Gestelle ganz Kristallglas, mit nur schmaler Mahagonyfassung” (Abb. 38).

Als “erste auf dem Kontinent” wurde auch die zentrale pneumatische Kassenanlage gepriesen, deren Prinzip auf den Rohrpostanlagen für den innerbetrieblichen Kommunikationsverkehr beruhte.
Obwohl sich der Kaiser immer dagegen wehrte, als Warenhaus bezeichnet zu werden und später den Namen “Vereinigte Spezialgeschäfte Kaiser & Co“ führte, finden wir doch warenhaus-verdächtige Elemente:
Zum einen dehnte er sein Warenangebot immer mehr aus; es kamen Parfümerie-, Toiletten- und Reiseartikel, Büroeinrichtungen und nach der Übernahme des Nachbarhauses Nr. 37 auch “Handarbeiten” dazu und zudem wurde mit billigen Preisen, unverbindlicher Besichtigung und dem möglichen Umtausch geworben, alles Dinge, die erst die Warenhausbewegung aufgebracht hatte. 1927 bot der Kaiser in seiner Musikabteilung gar ein Grammophon-Konzert im geschäftseigenen Vortragssaal mit 220 Sitzplätzen an. Ein Evénement, das an Gepflogenheiten, wie sie in den frühen Pariser Warenhäusern gang und gäbe waren, erinnert ...  – und heute in Brünnen-Westside wieder aufblüht.

Die Rückfassade gegen die Amthausgasse zeigt dieselbe Formensprache wie die Hauptfront, ist allerdings zurückhaltender im Ausdruck (Abb. 39). Wie bei Mandowsky weisen einzig die zwei obersten Geschosse Stichbogenfenster auf, während darunter gerundete Fenster eingesetzt sind. Das Strickmuster mit gegen oben flacher werdenden Fensterstürzen entspricht einem im Berner Barock konsequent befolgten Prinzip. – Heute, nach dem Neu- beziehungsweise Wiederaufbau des Kaiserhauses in den 1970er Jahren präsentiert sich die Rückfassade allerdings mit vertauschten Stockwerkgliederungen (Abb.40) …

ZURBRÜGG
Nur kurz erwähnt werden soll das Wohn- und Geschäftshaus Zurbrügg an der Ecke Spitalgasse / Waisenhausplatz. Wenig Begeisterung löste um1906 die Absicht eines Abbruchs des sogenannten “Worberhauses”, das ins 16. Jahrhundert zurückreichte, bei der Berner Sektion des Heimatschutzes aus (Abb. 41). Aber mit dem Projekt von Eduard Joos konnte man sich doch – mit einigen Vorbehalten – anfreunden (Abb. 42).
Hauptdifferenzen zwischen Projekt und Ausführung sind der Verzicht auf die Ründi gegen die Spitalgasse, der Verzicht auf die erkerartige Ausbildung der Hausecke, sowie – als neue Elemente – die zwei auskragenden, und zum Tell auf Doppelbügen aufliegenden Balkone, gleichsam eine Hommage an den Vorgängerbau (Abb. 43).
Am Aussenbau ablesbar ist die unterschiedliche Funktion der Geschosse: im Erdgeschoss richteten die Bauherren, die Herren Zurbrügg ihr Hut- und Pelzgeschäft ein, während die Räume des ersten Obergeschosses als Büros vermietet wurden.
Inzwischen ist auch der Eckbau von Eduard Joos längst wieder durch einen Neubau (Merkur und Anderes) ersetzt worden (Abb. 44).

VIER JAHRESZEITEN
Das Geschäft von Max Lauterburg, das den Namen „Magazine zu den Vier Jahreszeiten” trug, befand sich um die Jahrhundertwende an der Marktgasse 19. Offensichtlich florierte auch dieses Geschäft recht gut, so dass Lauterburg 1909 gleich neben dem Kaiserhaus, stadtabwärts, durch den Berner Architekten Albert Gerster einen Neubau errichten lassen konnte.
An die Stelle von zwei viergeschossigen, zweiachsigen Häusern (Abb. 45) stellte er einen fünfgeschossigen Bau mit einer dreiachsigen Fassade mit strengem architektonischem Aufbau und gekonnt eingesetztem ornamentalem Dekor (Abb. 46, 47). Auffallend und ungewohnt sind die dreiteiligen Fenster, die im vierten und vor allem im ersten Obergeschoss fast zu einer horizontalen Reihe zusammengebunden sind. Die im Vergleich zum Kaiserhaus viel graphischer gehaltene, historistische Fassade gefiel dem Stadtbaumeister Blaser, der in seinem Bericht zum Baugesuch schrieb: “Die Architektur der Marktgassfassade ist im Style der deutschen Renaissance gehalten von ruhiger Wirkung, so dass mit den Nachbarhäusern ein angenehmer Kontrast entsteht. In dieser Hinsicht ist also die neue Fassade, respektive die gewählte Architektur nur zu begrüssen.”

Im Erdgeschoss und im darüberliegenden Zwischengeschoss war das Kaufhaus Vier Jahreszeiten eingerichtet, welches Kleider, Sportbekleidung wie auch Konfektion, zum Teil aus eigener Fabrikation, anbot. Darüber befanden sich zwei Stockwerke mit vermietbaren Büroräumlichkeiten und ein Wohngeschoss.
Das Verkaufslokal im Erdgeschoss umfasste in diesem Fall nur das Vorderhaus sowie die Hälfte des Hofes, während die anschliessende Parzelle gegen die Amthausgasse zur burgerlichen Mädchenschule gehörte (ab 1880 Knabensekundarschule). In der Mitte, an die östliche Brandmauer angrenzend, befand sich die Erschliessung mit Treppenhaus, Lift (übrigens laut Inserat “mit ständiger Bedienung“) und Toiletten (Abb. 48 u. 49). Im Schnitt sind die durchgehenden unteren Geschosse gut erkennbar.
Bereits in den 1920er-Jahren wurde das Kaufhaus zu den Vier Jahreszeiten von Kaiser dazuerworben und zu seinem Geschäft geschlagen.

Bemerkenswerte Frühe Berner Ladenintérieurs
Das schöne Bild des Verkaufs-Magazins im projektierten Geschäftshaus des Herrn Baumeister Fasnacht an der Schauplatzgasse 11 vermittelt einen guten Eindruck eines Laden-Inneren aus dem frühen 20. Jahrhundert. Es zeigt eine weiträumige Verkaufsfläche im Erdgeschoss mit seitlicher Galerie und mit verglasten Oberlichtern, die den meist sehr tiefen und wegen der Lauben von der Gassenseite her nur wenig erhellten Lokalen etwas Tageslicht zuführten. Das Projekt aus dem Jahr 1909 stammt vom Berner Architekten Alfred Hodler, mit welchem Eduard Joos übrigens anfänglich zusammenarbeitete (Abb. 50).

Etwas älter ist der Hutladen Eduard Küpfer an der Marktgasse 23, der ebenfalls bereits einen hohen Raum mit Galerie auf filigranen, kannelierten Gusseisenstützen zeigt (Abb. 51, 52).

Der Name des nächsten Gebäudes, das vorgestellt werden soll, ist uns heute noch vertraut, insbesondere in seiner Abkürzung ABM (Abb. 53).
Albert Lauterburg-Käser, der Gründer des Geschäfts, der in der Brunnadern aufgewachsen ist, und dessen Vater eine Posamenteriefabrik betrieb, gründete 1869 eine Merceriehandlung en gros, welche in der Folge mehrmals ihren Standort wechselte. 1881 schloss er dem Engroshandel an der Marktgasse 52 ein Detailgeschäft an, dem er den vielversprechenden Namen Au Bon Marché gab.

Fast zuunterst an der Spitalgasse Schattseite liess die wenig zuvor gegründete Familien-AG 1911 anstelle von drei kleineren Häusern aus dem 18. Jahrhundert ein neues Geschäftshaus errichten. Als Architekt wurde – einmal mehr – Eduard Joos beigezogen (Abb. 54).

Die Verkaufsfläche im Erdgeschoss umfasste die Grundfläche des Hauses an der Spitalgasse sowie die Fläche des rückwärtigen Hofes (also auch hier nicht durchgehend bis zur Schauplatzgasse). Der eigentliche Laden konnte durch zwei Eingänge betreten werden, zwischen denen die Kasse eingerichtet war. Als Lichtquelle dienten im vorderen Teil Lichthöfe und im hinteren Teil Oberlichter. Im Erdgeschoss waren die Detailverkaufsräume fürs Mercerie-Geschäft untergebracht, während das erste Obergeschoss Büros für die Geschäftsleitung sowie, im hinteren Teil, Engros-Verkaufsräume aufwies, wo Bedarfsartikel für Schneiderinnen verkauft wurden. Darüber wiederum Wohnraum mit je zwei Wohnungen pro Geschoss, mit Bad und hofseitigen Terrassen (Abb. 55, 56).
Zum Sortiment im Bon Marché gehörten Hemden- und Lingerieartikel, Knaben und Kindergarde-robe, Unterwäsche, Handschuhe, Fächer, Portemonnaies, Broschen, Toilettenseifen, Strumpf-bänder, Taschentücher, Spitzen, Schürzen, Corsetts und vieles mehr, kurz alle “Nouveautés“
(Abb. 58).

Viel Wert wurde auf eine gepflegte Präsentation gelegt. Das Mobiliar dazu lieferte die Firma Keller, ein Möbelgeschäft in Zürich, die staubfreien Verkaufstische nach System “Gletscher” die Firma Oberist Söhne in Luzern und die Beleuchtungskörper wie die Schaufensteranlage in dunkler Bronze, die Bronzewarenfabrik in Turgi/AG (Abb. 57, 59-60).

Einen gewissen Luxus strahlte das Geschäft zweifellos aus. Gut zu sehen ist auch, wie ab ca. 1910, die Schaufenster bewusst gestaltet und viel Wert darauf gelegt wurde, die Waren optimal “auszustellen“ (Abb. 60).

Eindrücklich präsentiert sich die Fassade, die nicht mehr die Plastizität und Virtuosität der früheren Joos-Geschäftshäuser aufweist (Abb. 55 u. 61). Die dreiteilige äusserst zurückhaltende, flach gehaltene Neubarockfassade zeigt eine ionische Kolossalordnung in den drei Hauptgeschossen, mit zum Teil kannelierten und gebänderten Lisenen. Es ist ein komplexes Spiel von vertikalen und horizontalen Elementen mit feinen, sicher platzierten Akzenten. Die beiden unteren Geschosse werden auch nicht mehr als Geschäftszone gegen oben abgetrennt. Die Schriftzüge sind sehr dezent. Etwas markanter ist einzig die Kartusche mit dem Familienwappen Lauterburg in der Mitte des leicht aufgewölbten Kranzgesimses. Heute zeigt die Fassade noch immer in etwa den Zustand der Bauzeit 1911/12, während das Innere inzwischen bereits mehrmals umgebaut worden ist
(Abb. 62).

GROSCH & GREIFF
Für den Um- und Neubau ihres Zunfthauses an der Marktgasse 10/12 und Zeughausgasse 5/7 schrieb die Zunft zu Schmieden 1911 unter den zunftzugegehörigen Architekten einen Ideenwettbewerb aus (Abb. 63). Die Jury, bestehend aus zwei Zunftvertretern sowie den Architekten Albert Gerster, Henry B. von Fischer und Karl Indermühle, favorisierte den Entwurf der Architekten Joss und Klauser, der dann auch zur Ausführung gelangte (Abb. 64). Seit 1907 arbeiteten die beiden Architekten Walter Joss und Hans Klauser in einer Bürogemeinschaft und realisierten in Bern und Umgebung vor allem Wohnhäuser, die stilistisch klar von Ideen der Heimatstilbewegung geprägt sind – mal mit ländlich-barockem, mal mit zum Jugendstil hintendierendem Einschlag. Auch die Kunsthalle ist ein Werk der beiden.

Während der hintere Hausteil mit Restaurant, Zunftsaal und Sitzungszimmer nur umgebaut wurde, entschied man, das Vorderhaus aus dem 17. Jahrhundert, mit dem Hotel Schmieden, abzubrechen und an seiner Stelle unter Hinzunahme des östlich angrenzenden Nachbarhauses einen Neubau für ein Warenhaus zu errichten. Grosch & Greiff hiess das Geschäft, das 1912 den Neubau bezog; einen Bau, dessen schlichte Fassade, mit acht gleichwertigen, aneinandergereihten Fensterachsen, einzig durch Reliefs in den Fensterachsen etwas plastisch ausgebildet ist – abgesehen von der Wappenkartusche als Mittelakzent. – Interessant ist rückblickend die Diskussion, die der Abbruch der alten Fassade auslöste: Man bedauerte damals den Verlust zutiefst, befand aber, dass sie als Maske vor einem modernen Warenhaus ganz und gar nicht passen könnte. Die neue Fassade begrüsste man als gelungenes, sehr bernisches Werk.

Joss und Klauser wählten für den Grundriss die für Geschäfte damals übliche Raumaufteilung, wobei sich der Lichthof aber nicht auf die zwei untersten Geschosse beschränkte, wie bei den letzten gezeigten Beispielen, sondern über vier Geschosse ausdehnte (Abb. 65)! Erstmals reichte hiermit ein Warenhaus in Bern vom Erdgeschoss bis unters Dach. Zwischen durchgehende, massive Pfeiler wurden filigrane Brüstungsgitter eingespannt, die Durchblicke über mehrere Geschosse hinweg ermöglichten. Die Formensprache löste sich allmählich von historistischen Formen; die Einflüsse der neuen Sachlichkeit sind spürbar. Ausgekleidet war der Lichthof mit einer farbenfreudigen Keramikverkleidung, der so genannten Mutzkeramik (Abb. 66).

Das umfassende Angebot von Grosch & Greiff listet ein Inserat von 1915 auf: Es reichte von der Konfektion, dem Damen- und Kinderputz, Wäsche, über Teppiche und Gardinen bis zu den Spielwaren und dennoch nannte sich das Geschäft “modernes Kaufhaus” und nicht Warenhaus. (Abb. 67). – Später richteten sich nacheinander Oskar Weber und Jelmoli in diesem Bau ein und heute ist es ein Geschäft von Vögeli (Abb. 68).

ZUSAMMENFASSUNG / SCHLUSS

Das Warenhaus war in Bern im 19., aber auch noch im frühen 20. Jahrhundert nicht verbreitet und einzig LOEB und MANDOWSKY definierten sich selbst als Warenhaus. Damit blieben in Bern – wie übrigens in allen europäischen Städten – die Geschäftshäuser mit Wohngeschossen bis 1920 vorherrschend, wobei der Haustyp, der sich bereits im 19. Jahrhundert entwickelt hatte, mit einer Geschäftszone im Erd- und ersten Obergeschoss und Wohnraum in den oberen Etagen, auch in Bern sehr beliebt war. Bevorzugter Standort waren die Hauptgeschäftsgassen, die Spital- und die Marktgasse.
Aber auch wenn “eigentliche” Warenhäuser, also Geschäfte, die im Betrieb wie auch in der Architektur die Bezeichnung Warenhaus verdienen, selten waren, sind doch zahlreiche Einflüsse des Warenhauses der führenden Metropolen auf die bernische Architektur auszumachen: Der KAISER beispielsweise wies von Anfang an eine von Gasse zu Gasse durchgehende, weitläufige Ladenfläche auf, was vorher einzig und erstmals im Warenhaus LOEB realisiert worden war.
Die VIER JAHRESZEITEN, der AU BON MARCHE und selbst GROSCH & GREIFF bezeichneten sich als Kaufhaus, eine Bezeichnung, die oft von Fachgeschäften mit Qualitätsware bevorzugt wurde, die sich von den Billigläden – sprich Warenhäusern – absetzen wollten, und dies, obwohl sie alle auch mit billigen Preisen um ihr Publikum warben und ihr Warenangebot sehr wohl eine warenhauswürdige Breite erreichte. Zwischen den Bezeichnungen Warenhaus, Kaufhaus, Magazin wurde zweifellos auch nicht immer sehr genau unterschieden. Alle oben erwähnten Geschäfte erfüllten jedenfalls mehr oder weniger die durch die Warenhäuser eingeführten Grundregeln wie: fixe Preise, die Möglichkeit des Warenumtausches und die freie Besichtigung ohne Kaufzwang.

Die gesamte Erdgeschossgrundfläche, meist mit Einbezug der Hoffläche, war immer dem Verkauf vorbehalten. Geschäftsleitung, Lager und weitere Infrastrukturen wurden in die Ober- und Untergeschosse verlegt. Läden, deren Verkaufsfläche mehr als das Erdgeschoss besetzten, waren aber wie gesagt bis 1920 nicht die Regel: einzig der LOEB öffnete zweieinhalb, MANDOWSKY drei und GROSCH & GREIFF vier Geschosse dem Publikum, während alle anderen nur das Erdgeschoss, oft allerdings mit eingebundener Galerie, der Kundschaft zugänglich machten.

Auffallend ist, wie sich die Architektennamen bei den gezeigten Beispielen wiederholen. Aber dass Eduard Joos und Albert Gerster die Mehrheit der Geschäftshäuser dieser Zeit errichtet haben, muss nicht erstaunen, denn in der Oberen Altstadt sind die meisten Neubauten, die zwischen 1900 und 1915 entstanden sind – und das sind nicht wenige – das Werk eines der beiden.

Da Warenhäuser und generell Geschäftshäuser oftmals nur ein kurzes Leben haben, ist es heute oft schwierig, die inzwischen abgebrochenen und durch Neubauten ersetzten Häuser aufzuspüren und vor allem ihre architektonische Ausformung zu rekonstruieren. Das Adressbuch der Stadt Bern kann aber bei der Suche nach Warenhäusern behilflich sein: Im Branchenteil der Ausgabe von 1900 wird der Begriff Warenhaus zwar noch nicht geführt, aber 1904 finden wir unter dieser Rubrik LOEB und MANDOWSKY, sowie die Warenhäuser KNOPF im Äusseren Bollwerk und OLD ENGLAND an der Spitalgasse 14. KNOPF war mit Sicherheit, OLD ENGLAND mit grosser Wahrscheinlichkeit in einem Altbau eingerichtet. (Beides Namen, die übrigens zur selben Zeit auch im Ausland auftreten.) 1910 taucht neu das Warenhaus BERNHEIM am Theaterplatz 3 auf und, als erstes in einem Aussenquartier, das Warenhaus zum Weissenbühl am Dapplesweg 2. Einen Beitrag zur Geschichte der Warenhausarchitektur kann dieser Bau allerdings nicht leisten, handelt es sich doch beim genannten Haus um ein Mehrfamilienhaus von 1904–06 mit den im Quartier üblichen Ladenlokalen im Erdgeschoss.

1914 werden erstmals die Warenhäuser GROSCH & GREIFF (also doch ein Warenhaus!) sowie das A la Samaritaine im Bollwerk 35 (1907, E. Rybi) und das LOUVRE am Bahnhofplatz aufgeführt. Ganz offensichtlich orientierte man sich bei der Namengebung gerne an den grossen, berühmten Vorbildern in Paris: Nicht nur das Au Bon Marché, auch A la Samaritaine und Au Louvre sind ja Namen der französischen Warenhäuser der ersten Stunde.

Die internationalen Vorbilder der Warenhaus-Architektur mussten den lokalen Bedürfnissen und Gegebenheiten stark angepasst werden. Die Grundfläche zum Beispiel – in Bern schmal und tief – mit Fassaden einzig an einer, oder bestenfalls zwei Schmalseiten (d.h. Gassenseiten), war durch die mittelalterliche Struktur im Geschäftszentrum gegeben. Die Belichtung hinwiederum erfolgte wie bei den Vorbildern über Lichthöfe.

Eine Besonderheit von Bern ist sicher, dass das Geschäftszentrum – damals wie heute – nicht wie in anderen Städten Teil eines im 19. Jahrhundert neu geschaffenen Stadtviertels, sondern mitten in ein mittelalterliches Stadtgefüge integriert ist. Daraus resultierten für einen Neubau anstelle eines Vorgängerbaus zahlreiche Vorgaben. Eine Folge ist sicher die im frühen 20. Jahrhundert rege geführte Diskussion, ob nun ein Neubau ins Gassenbild passe oder nicht. Aufgeschreckt durch Berns erstes – und wie die Zukunft gezeigt hat auch letztes – Warenhaus, das seine Funktion durch eine grossflächig verglaste Fassade gegen aussen klar manifestiert hat, achtete man von da an minutiös auf die Fassadengestaltung bei Neubauten. Zur Umgebung “passen” musste das Gesicht eines Neubaus, Erhaltung von Bausubstanz, aber auch die Rekonstruktion von Fassaden der Vorgängerbauten standen damals nicht ernsthaft zur Diskussion. Die Nachbildung durfte anders als das Abgebrochene sein, Parzellen durften zusammengelegt, Brandmauern abgebrochen und Höfe überbaut werden, aber gewisse als “bernisch” empfundene Elemente wie zum Beispiel Sandstein als (Blend-)Material, Laubenbogen, Vogeldielen und anderes mehr durften nicht fehlen; während hinter den Fassaden alles möglich, das heisst jede technische und formale Neuheit erlaubt war. Diese Vorstellung führte – nach der Loeb-Fassade – ausschliesslich zu jenen, dem barocken Altstadt-Charakter angepassten, mit Sandstein verblendeten Fassaden, die eine Wohnnutzung hinter sich suggerieren.

Obwohl die Architekturgeschichtsforschung sich inzwischen bereits seit einigen Jahrzehnten mit der Architektur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts beschäftigt und zunächst der sakralen Baukunst und kurz darauf der Wohn- und Industrie-Architektur Aufmerksamkeit zukommen liess, blieb die Warenhaus-Architektur länger unbeachtet. Erst in der Mitte der 1980er-Jahre tauchten erste umfassende Forschungsresultate zu Warenhäusern in Frankreich und England und wenig später zu jenen in Deutschland auf. In letzter Zeit sind vereinzelt auch in der Schweiz Monographien zu Schweizer Warenhäusern erschienen.
Auch wenn die bernische Waren- und Geschäftshaus-Architektur des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts sicher nie das Niveau der Bauten in Paris, London und in anderen Grossstädten erreicht hat, verdient die lokale Ausformung dieser erst im 19. Jahrhundert aufkommenden Bauaufgabe unsere Beachtung, auch wenn heute – leider – so gut wie nichts vom einstigen Glanz erhalten ist.

1) Dieser Aufsatz beruht auf einem Vortrag für den Historischen Verein des Kantons Bern im Dezember 1993 sowie auf dem Initialvortrag vom 12.5.2009 zur Reihe „Berns Vergnügungsmeilen“ des Berner Heimatschutzes.

Illustrations

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Abb. 1: Paris, Au Bon Marché im Jahr 1874; ein Werk des Architekten Louis-Charles Boileau und des Ingenieurs Gustave Eiffel.
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Abb. 2: Paris, Maison de la belle Jardinière nach seinem ersten grösseren Umbau 1878. Kupferstich von Ch. Fichot.
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Abb. 3: Paris, Maison de la belle Jardinière, 1878. Schnitt. Kupferstich von L. Dumont nach einer Zeichnung von A. Deroy.
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Abb. 4: Paris, Au Bon Marché, Innenansicht mit Treppe. Foto um 1880.
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Abb. 5: Paris, Au Printemps, 1882-1889. Architekt: Paul Sédille.
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Abb. 6: Paris, Au Printemps, Innenansicht.
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Abb. 7: Paris, Galeries Lafayette, 1910. Innenansicht. Architekt: Ferdinand Chanut.
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Abb. 8: Zürich, Jelmoli, 1898. Ansicht. Architekten: Stadler und Usteri. Zustand 1903.
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Abb. 9: Rüfenacht, Spitalgasse 15-17, mit barocker Fassade von 1772.
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Abb. 10: Rüfenacht, Spitalgasse. Im Obergeschoss sind Schaufensterpuppen erkennbar.
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Abb. 11: Chr. Rüfenacht, Werbeseite.
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Abb. 12: Spitalgasse, Globus als Ersatzbau für Rüfenacht. Gassenansicht. Foto 1993.
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Abb. 13: Speichergasse, 1903. Foto 1993.
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Abb. 14: Speichergasse, 1903. Fassadendetail. Foto 1993.
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Abb. 15: Speichergasse, 1903. Grundriss Erdgeschoss. Architekt: G. Rieser.
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Abb. 16: Zeitungsinserat von 1867.
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Abb. 17: Loeb ab 1881 an der Spitalgasse 32.
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Abb. 18: Briefkopf der Gebrüder Loeb von 1903 mit Innenansicht und Fassade Spitalgasse.
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Abb. 19: Loeb an der Spitalgasse, erbaut 1899.
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Abb. 20: Loeb an der Spitalgasse, Glasfassade von 1899. Im Bild mit angeschnittenen Schaufenstern.
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Abb. 21: Loeb an der Spitalgasse mit reflektierender Glasfassade von 1899, der sog. Zahnlücke.
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Abb. 22: Loeb, Ersatzfassade aus Sandstein, erbaut 1913. Architekt: Albert Gerster.
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Abb. 23: Blick in die Spitalgasse mit Loeb-Bau von 1913. Foto vor 1928.
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Abb. 24: Mandowsky an der Marktgasse 6. Foto vor 1902.
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Abb. 25: Mandowsky, Marktgasse 6, 1902/03. Grundrisse Erdgeschoss und Zwischengeschoss.
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Abb. 26: Mandowsky, Marktgasse 6, 1902/03. Schnitt und Grundriss Obergeschoss.
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Abb. 27: Mandowsky, Marktgasse 6. Foto der Gassenfassade von 1902/03, mit drehbaren Fenstern.
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Abb. 28: Mandowsky, Gassenfassade von 1902/03.
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Abb. 29: Mandowsky, Gassenbild mit Bau von 1902/03.
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Abb. 30: Heutiger Bau an Stelle des Mandowsky-Baus. Foto 1993.
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Abb. 31: Marktgasse 39-41 vor dem Kaiser-Neubau von 1903.
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Abb. 32: Kaiser an der Marktgasse 39-41. Bau von 1903/04.
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Abb. 33: Fassadendetail Kaiser. Foto 1993.
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Abb. 34: Kaiser, Grundriss Erdgeschoss von 1903/04.
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Abb. 35: Kaiser, Grundriss Obergeschoss von 1903/04.
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Abb. 36: Anzeige von 1909 fürs CENTRAL-BAD im Kaiserhaus an der Marktgasse.
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Abb. 37: Kaiser, Blick in Büroräumlichkeiten mit Oberlicht von 1903/04. Foto um 1907.
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Abb. 38: Kaiser, Blick ins Verkaufsgeschoss von 1903/04. Foto um 1907.
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Abb. 39: Kaiser, Rückfassade von 1903/04 an der Amthausgasse.
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Abb. 40: Kaiser, Rückfassade an der Amthausgasse 24 nach der Renovation der 1970er-Jahre.
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Abb. 41: Worberhaus an der Ecke Spitalgasse / Waisenhausplatz. Foto 1906.
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Abb. 42: Zurbrügg, Projekt von Architekt Eduard Joos von 1906.
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Abb. 43: Zurbrügg an der Ecke Spitalgasse / Waisenhausplatz, Neubau von 1906.
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Abb. 44: Ersatzbau, Ecke Spitalgasse / Waisenhausplatz. Foto 1993.
Abb. 45:
Abb. 45: Marktgasse, Zustand vor dem Bau der Vier Jahreszeiten 1909.
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Abb. 46: Vier Jahreszeiten von 1909 an der Marktgasse.
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Abb. 47: Vier Jahreszeiten von 1909, Fassadendetail. Heute Teil des Kaiserhauses. Foto 1993.
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Abb. 48: Vier Jahreszeiten. Grundriss Parterre-Galerie von 1908.
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Abb. 49: Vier Jahreszeiten. Längsschnitt von 1908.
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Abb. 50: Projekt von 1909 für ein Verkaufs-Magazin an der Schauplatzgasse 11. Architekt: Alfred Hodler.
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Abb. 51: Hutladen Eduard Küpfer an der Marktgasse 23. Blick von der Gasse in die Laube
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Abb. 52: Hutladen Eduard Küpfer. Blick ins Verkaufslokal mit Galerie.
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Abb. 53: Logo von ABM in Verkaufsbroschüre von 1912/13
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Abb. 54: Gassenbild der Spitalgasse mit Käfigturm, vor dem Bau des Au Bon Marché.
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Abb. 55: ABM von 1911 an der Spitalgasse. Aufriss.
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Abb. 56: ABM von 1911 an der Spitalgasse. Grundrisse Erdgeschoss und 1. Obergeschoss.
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Abb. 57: ABM an der Spitalgasse. Eingangspartie mit Kassa, Zustand 1911/12.
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Abb. 58: Au Bon Marché, Katalog der Saison 1912/13.
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Abb. 59: ABM. Hinterer Teil des Verkaufslokals mit Oblichtern, Zustand 1911/12.
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Abb. 60: ABM, Schaufenster in den Lauben der Spitalgasse, Zustand 1911/12.
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Abb. 61:ABM von 1911/12 an der Spitalgasse.
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Abb. 62: ABM, Gassenfassade von 1911/12. Foto 1993.
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Abb. 63: Marktgasse 10/12, Hotel Schmieden. Vor dem Bau von Grosch & Greiff 1911/12.
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Abb. 64: Grosch & Greiff von 1911/12 an der Marktgasse. Foto vor 1922.
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Abb. 65: Grosch & Greiff. Grundrisse Erdgeschoss und 1. Obergeschoss von 1911/12.
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Abb. 66: Grosch & Greiff von 1911/12. Lichthof mit Leuchtern.
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Abb. 67: Annonce von 1915.
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Abb. 68: Marktgasse 10/12. Foto 1993.